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„DAS MUSICAL IST DIE KAMMERMUSIK DER OPER“ – Thomas Weinhappel im Portrait

Christopher 8. Februar 2019
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„DAS MUSICAL IST DIE KAMMERMUSIK DER OPER“ – Thomas Weinhappel im Portrait

Wer mich kennt, der weiß, dass es mir ein Anliegen ist, nicht „nur“ klassische Berichterstattung zu machen, sondern auch mal über den Tellerrand hinauszublicken. Als Thomas Weinhappel als spontan geladener Gast bei „Musical meets Opera“ zum Thema „Mozart!“ im Raimund Theater 2016 das Publikum begeisterte, begann ich, seine Laufbahn zu verfolgen, die ihn nun auch zu „Show Boat“ an die Bühne Baden führt. Vor Kurzem traf ich den Star der klassischen Musik in seiner Heimatstadt Wien zum Gespräch gemeinsam mit seiner Ehefrau Ekaterina, seiner Managerin Ursula und den drei Samtpfoten im Hause Weinhappel. Doch wer ist Thomas Weinhappel denn? Nun, es ist den Versuch wert, ihn möglichst treffend zu beschreiben:

Als Sängerknabe, der im Alter von acht bis vierzehn Jahren sein Leben bereits der großen Bühne widmete und als Hauptsolist auch die Ehre hatte, das Carnegie Hall Solo zu singen, wurden dem jungen Thomas von seiner Familie keinerlei Steine à la „Lern doch etwas Gescheites!“ in den Weg gelegt. Als Absolvent des Konservatoriums in Wien kann man Thomas Weinhappel als einen der wenigen Künstler bezeichnen, die sowohl im klassischen Genre Oper und Operette, als auch im Genre Musical daheim sind. Für seine Darbietung des „Hamlet“ wurde er 2016 als erster und einziger Österreicher in der Prager Staatsoper mit dem „Thalia Award“ und dem Titel „Bester Opernsänger des Jahres“ ausgezeichnet und noch im selben Jahr mit der „Libuska“ für seine Rollengestaltung geehrt – zwei absolute Highlights seiner Karriere. Nach einer Traumhochzeit mit seiner Ehefrau Ekaterina folgt nun das Engagement in Baden bei Wien, das ihn in den Musicalbereich führt – Crossover vom Feinsten also, wenn man es so nennen möchte. „Er macht aus Rollen Menschen,“ so ein Zitat über den Künstler, das ihn wohl tatsächlich am besten beschreibt. Ein großes Herz hat Thomas darüberhinaus, was man daran erkennt, dass er aufgrund seiner eigenen schweren Erkrankung in der Kindheit am 15. März 2019 im Ehrbarsaal in Wien ein Benefizkonzert zugunsten von Neuro-Fibromatose-Kindern geben wird, das unter dem Ehrenschutz von Vize-Honorarkonsulin Prof. Birgit Sarata steht.

Zu Hause einen Künstler zu treffen ist immer etwas Besonderes, denn man lernt nicht nur den Menschen hinter dem Künstler kennen, sondern bekommt auch einen Einblick in das Leben, das die Person führt. Eines vorweg: Bei Thomas und Ekaterina fühlt man sich sofort willkommen und wird – je nach Laune der Katzen, die natürlich die eigentlichen Hausherren sind – auch gleich als Begrüßung beschmust. Doch was macht ein „Zuhause“ für Thomas überhaupt aus und was bedeutet es ihm?

„Es bedeutet mir, mit meiner lieben Frau Katerina einen Ort mit ganz viel Nestwärme und Ruhe und hin und wieder ein wenig Action zu haben. Künstler lieben es, etwas Trubel zu haben, doch nachdem ich einen Giovanni oder Hamlet gesungen habe, kann ich auch problemlos zwölf Stunden schlafen, um für weitere Aufgaben ausgeruht zu sein. In unserer Wohnung können wir uns entfalten, ohne den Anderen zu stören.“ Zu den drei Vierbeinern, die ebenso dazugehören, meint Thomas nur schmunzelnd: „Eigentlich war ich ein Hundemensch – aber die Katzen haben sofort mein Herz erobert.“ (lacht)

Als Künstler, der ungefähr die Hälfte des Jahres auf Reisen und die andere Hälfte daheim verbringt – natürlich abhängig vom Engagement – ist es doch für viele immer eine kleine Herausforderung, auch eine Beziehung zu führen, doch Thomas und seine Ekaterina ergänzen sich schon auf den ersten Blick perfekt. Die gebürtige Russin arbeitet im Bankwesen und unterstützt ihren Mann sowohl auf Reisen, als auch von Zuhause aus, so viel und so gut sie kann. „Was ich an Thomas so sehr liebe, ist, dass, wenn er einen Traum hat, er nicht nach rechts oder links schaut, sondern immer nur diesen Traum vor Augen hat und ihn verfolgt. Wir sind einander außerdem nicht böse, wenn der Andere einmal viel arbeiten muss. (lacht) Je erfolgreicher Thomas wird, desto stolzer werde ich auf ihn,“ so Ekaterina, die ihren Ehemann auch als professionelle Fotografin bei seiner Karriere begleitet.

Fragt man den sympathischen Sänger, welche Gegenstände ihm in seiner Wohnung denn besonders viel bedeuten, so sind das rein praktisch – neben dem Klavier –  natürlich auch emotionale Dinge, wie Fotos seines Vaters und selbstverständlich der verliehene Thalia-Award als Zeichen dafür, was man schon erreicht hat. „Schöne Hotelzimmer und spannende Städte sind ohne Frage großartig, doch man schätzt sein Zuhause umso mehr, wenn man es nicht jeden Tag hat.“

Natürlich interessiert mich aber, wie Thomas Weinhappel nicht nur zu einem international bekannten und beliebten Star der Klassik werden konnte, sondern auch, wie es dazu kam, dass er nun auch in Baden im Musical engagiert ist. War Musical denn schon immer Teil seines Lebens? Ist er tatsächlich einer der wenigen Menschen, die nicht „in Schubladen denken“ und Klassik und Musical strikt trennen, sondern dazu bereit sind, die Scheuklappen zu öffnen?

„Ich möchte nur zwischen guter und schlechter Musik kategorisieren, denn es geht um den Wert einer Musik, nicht um ihr Genre.“ Schon im Alter von siebzehn Jahren schnupperte Thomas quasi „überraschenderweise“ ins Musicalgeschäft, als er bei einer Audition für die Company im Performing Center Austria eigentlich nur auf seine Freunde wartete. Da aber zu wenige junge Männer für die Company angemeldet waren, wurde er spontan auch zur Audition gebeten. Zwar war sein Tanzen laut eigener Aussage katastrophal, aber im Gesang überzeugte Thomas natürlich sofort und spielte dann die Hauptrolle des „Joseph“ im gleichnamigen Musical. „Es hat wahnsinnig viel Spaß gemacht und ich habe auch für meine klassische Karriere viel gelernt. Besonders der Unterricht im Tanzen und Bewegen auf der Bühne war sehr hilfreich. Für mich wurde damals aber auch klar, dass ich nicht mein Leben lang Musical spielen möchte. Ich bewundere Leute, wenn sie en suite spielen. Sie haben meinen Respekt und vollste Bewunderung, denn das Publikum hat sein Geld bezahlt und möchte eine atemberaubende Show sehen – ob du sie aber zum 200. Mal spielst, interessiert nicht. Wenn ich einen Hamlet zwanzig Mal im Jahr singe, dann ist das schon oft.“ Im wunderschönen Wiener Musikverein war Thomas aber auch Teil der konzertanten Aufführung vom „Phantom der Oper“, somit war dies ein weiterer Ausflug in die Musicalwelt. „Ich habe das Gefühl, dass die Grenzen zwischen den Genres immer mehr verschwimmen, was ich sehr gut finde.“ Nun in „Show Boat“ in Baden eine Hauptrolle in einer schönen, traditionellen Inszenierung spielen zu können, bewertet Thomas Weinhappel als große Ehre. Die (stimmtechnischen) Unterschiede zwischen dem klassischen Bereich und dem Musical erklärt er so: „Natürlich adaptiere ich meine Stimme an das Musical. Sobald ein Mikrofon dazukommt, muss ich selbst schauen, wie es klingt, da ich ja gewohnt bin, große Opernhäuser stimmlich auch ohne Verstärkung auszufüllen. Das Wichtigste als Künstler oder Musiker ist es, immer seine Grenzen weiterzuschieben und neue Dinge zuzulassen; vollkommen wertungsfrei und ohne Angst. Während die Oper oder Operette stimmlich oft eine sehr große physische Anstrengung erfordert, geht es beim Musical sehr um die Qualität. Selbstverständlich hat man in der Oper auch Emotionen, aber dadurch, dass man den Stimmapparat permanent enorm bedienen muss, büßt man ein bisschen an Differenziertheit ein. Was ich dann am Musical sehr zu schätzen weiß, ist, dass jeder Ton pure Emotion sein kann. Das Musical ist eben die Kammermusik der Oper! (lacht) Wenn ich so eine Hauptrolle wie in Baden singe, tue ich das, weil ich auch ein Zeichen setzen und in Zukunft gerne auch mehr im Musicalbereich machen möchte. Auch der klassische Liedgesang hat – wenn man so will – Parallelen zum Musical. Egal, in welchem Genre ich mich bewege – ich habe immer den Zugang, nicht an den Noten zu kleben, sondern Persönlichkeit und Ehrlichkeit einzubringen. Schön singen kann schnell einmal jemand, aber den Menschen wahre Emotionen zu zeigen, sie dadurch wirklich zu berühren, das ist eine ganz andere Geschichte. Noten sind Grundlage, Berührung und Emotionalität ist Kunst.“

Und wie sieht der Bariton die Situation des „überalterten“ Publikums in der Klassikwelt?

„Es gibt viele sehr begeisterte Fans, die Oper und Operette lieben und schätzen, und es gibt auch einige Jüngere, was mich sehr freut, aber sie müssen mehr werden, das Publikum von morgen muss her! Wir müssen Kinder und Jugendliche mobilisieren, die nicht von sich aus in die Oper kommen werden. Es ist auch klar, denn die Hausmusik, mit der wir aufgewachsen sind, ist nicht mehr möglich – beide Eltern arbeiten, Kinder lernen aus vielerlei Gründen keine Instrumente mehr und im Schulsystem wird auch all das sehr vernachlässigt oder falsch dargestellt. Im Lande der weltberühmten Wiener Philharmoniker und Sängerknaben, gibt es die Schauspieler, die sagen, die Sänger können nicht spielen, dann die Sänger, die meinen, die Schauspieler können nicht singen und darüber hinaus die Instrumentalmusiker, die auf Stimmbildung, Notenlesen und unattraktive Lieder pochen. Wenn ich in der Schule Musical, Operette und Oper ein Schattendasein im Lehrplan führen, brauche ich mich nicht zu wundern, wenn die Freude an Musik verblasst und diese zarte Pflanze der Begeisterung für die Bühne nicht wachsen will,“ so sind sich Thomas und seine Managerin einig.

„Kindern eine neue Welt zu eröffnen, sehe ich als große und wichtige Aufgabe. Wenn mir mittlerweile junge Erwachsene sagen, mich als Papageno in ihrer Kinderzeit gesehen zu haben, war das Highlight ihrer gesamten Schullaufbahn, dann erfüllt mich das mit unglaublicher Freude und mit sehr viel Stolz und ich bin den LehrerInnen, die den Kindern solche Erlebnisse ermöglichen, unendlich dankbar.“

Das anfangs bereits erwähnte Benefizkonzert zugunsten von Kindern, die an Fibromatose, beziehungsweise Neuro-Fibromatose erkrankt sind, ist ein absolutes Herzensprojekt von Thomas und kommt darüber hinaus nicht von ungefähr.

„In der Sängerknabenzeit hatte ich eine doch sehr schwere Krankheit, die ich glücklicherweise nach einigen Operationen besiegt habe, nämlich die Fibromatose. Dadurch weiß ich, Gesundheit ist nichts Selbstverständliches. Ich bin froh, meinen rechten Oberarm noch zu haben, denn es drohte die Amputation. Heute kann ich sagen, ich bin glücklich, gesund zu sein – das gibt positive Energie im Leben. Als Ex-Betroffener möchte ich mich also für jetzt Betroffene einsetzen, denn besonders bei der Neuro-Fibromatose ist von Heilungschancen noch keine Rede.“ In Thomas’ Fall wurde ein Bindegewebstumor diagnostiziert, der sich auch in den Muskel hineingefressen hatte. Somit musste auch der betroffene Teil des Muskels operativ entfernt werden. „Zum Glück war ich als Kind extrem naiv; für mich war immer klar: Ich gehe jetzt operieren und dann ist alles gut! Ich bin Gott dafür dankbar, diese Naivität gehabt zu haben. Die Wochen im Krankenhaus mit Schmerzen und Hauttransplantation haben mir aber eines sehr klar bewusst gemacht: Das Singen und die Bühne, das ist das, was ich zu meinem Lebensmittelpunkt machen möchte. In diesem Moment wusste ich, was mir die Musik bedeutet, denn ich habe meine Sängerknabenkollegen beneidet, dass sie singen durften und ich nicht. Zurückblickend muss ich sagen, dass die Chancen, ohne Arm als Sänger weiterzukommen leider nicht sehr hoch sind, deshalb bin ich wahnsinnig froh darüber, alles überwunden zu haben und jetzt gesund mein Leben führen zu können. Das Leben ist ein Geschenk! Menschlich und künstlerisch war es eine wichtige Erfahrung, trotzdem es eine harte Erfahrung war.“

Hut ab, lieber Thomas, vor solch einem Einsatz und sicherlich werden wir weiterhin mit Spannung beobachten, wie du die Grenzen zwischen den Genres verschmelzen lässt!

Copyright by Ekaterina Weinhappel

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